
Zeit ist in Urubichá eine relative Größe. Nicht die Uhr, sondern der Taktstock bestimmt den Rhythmus der 5.000-Seelen-Gemeinde im bolivianischen Tiefland. Jeden Morgen spielt sich hier ein unwirkliches Schauspiel ab. Ein vielstimmiges Ensemble aus Kantaten, Fugen und Sonaten legt sich über das Dorf.
Aus den Strohhütten dringt klassische Musik, in der Kirche erklingt Bach, auf dem Dorfplatz ertönt Vivaldi. Statt Ghettoblaster tragen die Jugendlichen Geigenkoffer und Notenblätter unterm Arm.

Mehr als 300 Jahre sind vergangen, seit die Jesuiten im bolivianischen Regenwald eintrafen. Im Gepäck hatten sie Geigen, Celli, Flöten und Trompeten. Mit barocker Musik wollten die Padres den Indigenen das Christentum näherbringen. Bei ihrer Ankunft hatte keiner geglaubt, dass die musikalische Missionierung auf derart fruchtbaren Boden fallen könnte. In kurzer Zeit entwickelten sich die Chiquitano-Indígenas zu Barockmusikern, die virtuos in den prächtigen Jesuitenkirchen aufspielten. Sie hinterließen meisterhafte Eigenkompositionen, die nie namentlich zugeordnet werden konnten. Die Musik der Jesuitenreduktionen birgt bis heute große musikgeschichtliche Geheimnisse.

Gerade einmal 76 Jahre blühte der amerikanische Barock. 1767 wurden die Jesuiten aus ganz Lateinamerika verbannt. Zu groß war der Argwohn der Kolonisatoren, die billige Arbeitskräfte für den Rohstoffabbau benötigten. Die Indígenas flüchteten aus Angst vor Sklaverei wieder in die Wälder.
Im kleinen Urubichá hat die Musik überlebt. 1967 traf der deutsche Priester Walter Neuwirth in dem abgelegenen Dorf ein. Mit Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerks ADVENIAT brachte er die Zukunft in das verschlafene Nest zurück. Erstes Ziel: die Schaffung menschenwürdiger Wohnbedingungen. Im nächsten Schritt entstanden Produktionsgenossenschaften und insgesamt fünf Schulen. Schließlich erweckte Pater Walter die längst vergrabene Tradition der Barockmusik wieder zum Leben. Seit 1980 werden in Urubichá wieder Geigen gebaut.

Heute hat das Dorf ein eigenes Jugendorchester, 20 Violinbauer und eine angesehene Musikschule. Die Absolventen des Instituts lehren inzwischen in der gesamten Region. Der Erfolg des Projekts hat andere Dörfer und Städte dazu ermutigt, eigene Orchester zu gründen und die bolivianische Barocktradition wieder zu beleben.
Die jungen Virtuosen sind der ganze Stolz von Urubichá. Das Jugendorchester hat schon auf Festivals in Bolivien, Venezuela, Chile und Argentinien gespielt. Zum zweiten Mal tritt es nun die lange Reise nach Europa an. Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr starten sie zu einer Konzerttournee durch 15 Städte in Deutschland und Österreich.
ADVENIAT und Evonik Industries AG wünschen viel Erfolg!







